Abschied – Es tut so weh!

Bilder: Tarasenko Maksym | Dreamstime
Autor/in: Stefanie Mimra

Die ersten Herbstblätter fallen, die Temperaturen ebenso. Kennen Sie sie auch? Die leise Wehmut, dass der Sommer vorbei ist? Zunächst wollen wir es nicht wahrhaben, wir tragen noch Sommerkleidung und ignorieren das Laub. Dann sind wir einfach nur traurig und hängen in Gedanken dem heißen Sommer nach. Irgendwann jedoch akzeptieren wir den beginnenden Herbst und können ihm sogar etwas Gutes abgewinnen. Es erwacht eine Energie in uns, die Neues anfangen möchte. Vorbei ist dann die Traurigkeit, der Abschied ist durchlebt.

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Die Intensität des Schmerzes bei einzelnen Abschieden ist unterschiedlich. Die Phasen jedoch, die wir dabei durchlaufen, sind die gleichen.

Trauerphasen (in Anlehnung an Verena Kast)

  •  Schock
  • Handeln
  • Emotionen
  • Akzeptanz
  • Neubeginn

Gleichgültig, ob wir unser Handy, ein Schmuckstück oder einen geliebten Menschen verlieren, der Prozess der Verarbeitung eines Verlusts ist ähnlich. Beispiel: Das Handy ist weg! Anhand dieses vergleichsweise harmlosen Beispiels möchte ich Ihnen die einzelnen Phasen veranschaulichen.

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1. Schock

Sie greifen routinemäßig in Ihre Tasche, um auf Ihrem Handy die Uhrzeit abzulesen. Doch da ist kein Handy. Die allererste Reaktion wird die Starre sein. Der Schreck. Der Schock. Sie sind für kurze Zeit regungslos, bleiben stehen, reißen Ihre Augen weit auf, sind sprach- und emotionslos. Sie sind fassungslos, also aus der Fassung, stehen neben sich. Nie und nimmer würden Sie sofort sagen: Okay, ich akzeptiere, dass das Handy weg ist. Sie würden auch nicht gleich traurig und ärgerlich sein. Nein, zuerst sind Sie erstarrt. Diese Phase ist ein Schutz für unsere Psyche vor plötzlichen Verlusten. Der Schock gibt uns Zeit, von einem alten Zustand in einen neuen zu finden. Wir sagen nach dem Schock dann oft: „Ich krieg die Krise!“, und das stimmt. Jeder Verlust löst eine Krise aus. Die Stärke der Krise ist allerdings davon abhängig, wie viele Lebensbereiche von einem Verlust betroffen sind und wie subjektiv bedeutsam der Verlust ist. Wenn Ihnen Ihr Handy sehr wertvoll ist, wird Sie der Verlust desselben härter treffen, als wenn es Ihnen wenig wichtig ist.

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2. Handeln

Nach der Starre folgt das Handeln. Sie durchsuchen Ihre Tasche. Sie schauen an Orten nach, von denen Sie wissen, dass es unmöglich ist, dass Sie Ihr Handy dort liegen gelassen haben, aber egal: Hauptsache Sie bewegen sich und tun etwas. Sie suchen erneut an Orten, die Sie bereits durchsucht haben. Das Tempo ist hoch. Sie sind aktiviert und motiviert, den alten Zustand, im Besitz Ihres Handys zu sein, wiederherzustellen. Diese Phase hat ihr Gutes, denn es kann sein, dass Sie es tatsächlich schaffen, den Verlust rückgängig zu machen, also das Handy zu finden. Aber auch in Situationen, in denen es scheinbar sinnlos ist, wie etwa beim Tod eines geliebten Menschen oder eines Haustieres, kommt wie von selbst diese Phase der erhöhten Aktivität. Diese Aktivität löst die Starre ab, der Verlust jedoch wird immer noch verleugnet. Das kann nicht wahr sein! Irgendwo muss es doch sein! Es wäre Ihnen in dieser Phase keine Hilfe, wenn Ihnen jemand den Kauf eines neuen Handys schmackhaft machen wollte.

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3. Emotionen

In dieser Phase kommen die Emotionen hoch. Sie ärgern sich, Sie weinen, Sie fühlen sich schuldig, ängstlich, zornig. Plötzlich kann sein, dass Sie lachen oder gelassen sind. Alle Emotionen sind in dieser Phase möglich. Jetzt beginnt das eigentliche Betrauern, das Abschiednehmen. Das Handy ist weg, und das ärgert Sie. Vielleicht überkommt Sie Angst und das Gefühl der Überforderung, weil Sie sämtliche Kontakte nur dort abgespeichert haben und Sie sie womöglich nicht mehr haben.

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4. Akzeptanz

Langsam kehrt Ruhe ein. Sie akzeptieren, dass Ihr Handy weg ist. Die Verleugnung hat ein Ende. Möglicherweise beginnen Sie irgendwann erneut zu suchen, erneut zu trauern und erneut zu akzeptieren. Die Phasen können mehrmals durchlaufen werden und verschieden lang sein.

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5. Neubeginn

Diese Phase birgt Überraschungen, die man sich nie zuvor hätte erdenken können. Meist geht man reifer und weiser aus einer Krise heraus. Das Bewusstsein ist höher, die Werte haben sich gewandelt. Möglicherweise wird Ihnen Ihr Verhaftetsein mit der Materie bewusst. Möglicherweise entdecken Sie, wie abhängig Sie vom Handy bereits waren. Vielleicht aber lernen Sie beim Kauf eines neuen Handys den Mann/die Frau Ihres Lebens kennen und sagen im Nachhinein: „Wie gut, dass ich mein Handy verloren habe!“

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Falls es in Ihrem Leben nicht um den Verlust eines „läppischen“ Handys, sondern um den Verlust Ihres Lebenspartners geht, dann können Sie sich vielleicht ebenso in einer der fünf Phasen wiederfinden.

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Sind Sie starr vor Schreck und können es nicht fassen, dass der Partner Sie verlassen hat oder gestorben ist? (Schock) Versuchen Sie alles, um ihn wiederzugewinnen? Selbst das Begräbnis organisieren entspricht dem unbewussten Versuch, den Verlust wiedergutzumachen. (Handeln) Weinen und wüten Sie (noch)? Machen Sie sich oder dem Menschen Vorwürfe? (Emotionen) Können Sie den Verlust bereits bejahen? (Akzeptanz) Oder hat sich in Ihrem Leben bereits überraschend eine Tür zu einem neuen Weg geöffnet? (Neubeginn)

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Menschen mit plötzlichem Arbeitsplatzverlust durchleben die gleichen Phasen. Zuerst sind sie oft wie gelähmt und tun gar nichts. Dies ist für das Umfeld häufig schwer verständlich. Dann fängt der Betroffene an, sich hoch engagiert zu bewerben. Schließlich fällt er in ein Loch, reagiert emotional und verabschiedet sich innerlich von seinem Arbeitsplatz. Erst in der Akzeptanzphase ist der Mensch offen für einen neuen Arbeitsplatz. Der Neubeginn wird den Menschen mit Erfahrungen beschenken, die ihn bereichern. Möglicherweise engagiert er sich sozial oder er geht einem Hobby nach und wird kreativ.

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Was hilft in Krisen?

Wichtig ist zu wissen, dass jeder Mensch individuell trauert und er in der Regel eine Krise aus eigener Kraft bewältigen kann. Nur weil jemand in einer Krise ist, braucht er weder einen Psychiater noch Medikamente oder eine Psychotherapie. Vor allem, wenn jemand bereits Verluste erlebt und diese schon einmal gut verarbeitet hat, darf man darauf vertrauen, dass dieser Mensch es erneut ohne professionelle Hilfe schafft. Dennoch stehen Bekannte und Verwandte oft etwas ratlos daneben. Wie sollen sie helfen? Was sollen sie sagen? Der von einem Verlust betroffene Mensch gehört in jeder Phase gewürdigt und empathisch verstanden. Es nützt wenig, jemandem in der Phase des Handelns vom Neubeginn zu erzählen, also Phasen zu überspringen.

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 Hilfreich kann sein:

  • „Ich verstehe dich!“
  • „Ich kann das gut nachvollziehen.“
  • „Das ist normal und in Ordnung so, wie du jetzt bist!“
  • „Ich bin da für dich!“

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In der Schockphase ist es wichtig Halt zu bieten, da zu sein, ohne groß etwas zu sagen. Nach eingehender Würdigung des Erlebten und wenn jemand in einer Phase „stecken bleibt“, kann es hilfreich und wichtig sein, den Menschen in einer Krise sanft und doch klar in die nächste Phase hineinzuführen. Wenn sich jemand schwertut, aus der Starre (dem Schock) herauszukommen, kann es gut sein in Bewegung zu kommen, also etwas zu tun, ein Spaziergang zum Beispiel. Wenn jemand nicht aufhört zu hoffen und dementsprechend handelt (Handeln), kann man schon mal das Gefühl ansprechen. Wenn jemand aus der Phase der Emotionen nicht aussteigen kann, liegt es oft an nicht ausgesprochenen Schuldgefühlen oder Abhängigkeiten. Hier kann professionelle Hilfe notwendig sein. Häufig wird dies jedoch nicht gleich erkannt, und die betroffene Person nützt sämtliche Bezugspersonen, um „im Kreis zu jammern“. Wirklich weiter kommt sie nicht. Die Freunde oder Verwandten beginnen sich dann womöglich zurückzuziehen, weil sie spüren, dass sie am Ende ihrer Weisheit angelangt sind. Ein vertrauter Mensch könnte auf die Möglichkeit psychologischer Unterstützung mit folgenden Worten hinweisen: „Ich mache mir Sorgen um dich. Du trauerst nun schon mehr als zwei Jahre heftig deinem Ex nach. Bitte hol dir professionelle Hilfe!“

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Psychologische Unterstützung anzunehmen, ohne deshalb eine Psychotherapie machen zu müssen, ist heute salonfähig. Menschen aller Berufsgruppen und Altersklassen sowie unterschiedlicher Bildung nützen psychologische Unterstützung, so wie sie einen Steuerberater oder dergleichen nützen. Diese Empfehlung gilt übrigens sowohl für von Verlust Betroffene als auch für HelferInnen, die gern wissen möchten, wie sie der betroffenen Person beistehen sollen.

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Bieten Sie konkrete Hilfe an, zum Beispiel, indem Sie sagen, dass Sie sich einmal pro Woche telefonisch melden werden. Das ist meiner Erfahrung nach hilfreicher als das gut gemeinte Angebot: „Ruf an, wenn du mich brauchst, ich bin da für dich.“ Menschen, die trauern, sind oft nicht in der Lage, sich aktiv Hilfe zu holen, wohl aber dankbar, wenn sie jemand anruft oder besucht.

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Wussten Sie, dass auch positive Verluste/Abschiede eine mehr oder weniger heftige Krise auslösen können? Beispiele dafür sind: Schulabschluss, Lehrabschluss, etc. ... Wenn Sie etwas abschließen, ist das ein Ende von etwas, was vorher war, also ein Verlust. Dieser Verlust löst minimal oder deutlich beobachtbar die aufgelisteten Phasen aus. Verständlich also, warum etwa Hausbauer die vorher erwartete Freude zunächst noch nicht spüren können.

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favicon-553d1acbv1_site_iconStefanie Zauchner-Mimra, Psychologin in Österreich, Praxis in Laufen, www.zauchner-mimra.info, psychologin@zauchner-mimra.info



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