Wenn die Seele Hilfe braucht

Autor/in: Ingrid Kulzer

Interview mit Dr. med. Rupert Müller, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Freilassing

Schlagwörter wie Burn-out-Syndrom und Depression finden sich immer wieder im Zusammenhang mit unserer Arbeitswelt. Beruflicher Stress und auch private Probleme können uns wortwörtlich krank machen. Welche Ähnlichkeiten bestehen zwischen dem Burn-out-Syndrom und einer Depression und welche Unterschiede gibt es? Wir unterhielten uns mit Dr. med. Rupert Müller über Ursachen, Symptome und Therapiemöglichkeiten.

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Impuls Lifestyle: Herr Dr. Müller, lassen Sie uns doch gleich mitten ins Thema einsteigen Wie entsteht ein Burn-out?

Zunächst muss man fragen: Was ist eigentlich Burn-out? Burn-out ist etwas, das sehr stark mit dem Arbeitsleben zu tun hat. Überforderung, Stress, man nimmt die Arbeit mit nach Hause und kann gar nicht mehr abschalten. Da kann es leicht passieren – vor allem wenn man mit zu viel Eifer an seine Arbeit herangeht und für die Sache „brennt“ –, dass eben dieses Hochgefühl in Überforderung umschlägt. Die Folgen sind Gereiztheit, Desinteresse und Zynismus, was typische Anzeichen für Burn-out sind. Eine gewisse Resignation und Rückzug runden das Profil zum Ende hin ab.

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Impuls Lifestyle: Welche Unterscheidungsmerkmale zwischen Burn-out und einer klassischen Depression gibt es?

Der Blick der Psychiatrie ist hierbei sehr kritisch, denn die Arbeitswelt ist ein enormer Risikofaktor für psychische Erkrankungen. Viele Psychiater glauben, dass das, was sich hinter dem Begriff Burn-out verbirgt, oft und häufig „eigentlich“ eine Depression ist. Und genau das ist das Dilemma, denn diese sollte dann auch so behandelt werden. Jemand, der ein Burn-out hat, dem geht es meist schon besser, wenn er etwas Abstand bekommt – zum Beispiel durch Urlaub – und ein Stück weit zur Ruhe kommt. Depressionen gehen einher mit einer negativen Grundstimmung, häufigen Schlafstörungen, negativen Gedanken und Selbstzweifeln. Auch Versagensängste und das Gefühl, die Dinge des Alltags nicht mehr bewältigen zu können, sowie Antriebslosigkeit und Leistungsdefizite sind Begleiterscheinungen einer klassischen Depression. Gründe dafür können Belastungssituationen, Veranlagung oder auch körperliche Probleme sein. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie Arbeit belastend wirken kann: zum einen eine stereotype und sich wiederholende Tätigkeit, auf die kein Einfluss genommen werden kann, und zum anderen die Gratifikationskrise, bei der man das subjektive Gefühl hat, keine oder zu wenig Anerkennung zu bekommen. Interessant ist, dass es in den wenigsten Fällen um das Geld geht. Gesund hält uns in diesen Situationen die eigene Persönlichkeit, ein starkes Selbstvertrauen, die Fähigkeit, eigenständig Probleme zu lösen, und ein gutes soziales Netzwerk. Bei anhaltend schlechter Stimmung sollte jedoch ein Arzt oder Psychiater zurate gezogen werden.

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Impuls Lifestyle: Ist es wirklich so, dass die Burn-out-Erkrankungen in den letzten Jahren eklatant zugenommen haben oder wurde es früher vielleicht nur nicht so häufig diagnostiziert?

Das ist eine gute Frage. Man muss das etwas differenzieren. Es ist tatsächlich so, dass die Anzahl der Krankschreibungen und auch der Beratungen aufgrund von psychischen Problemen zugenommen haben. Gleichzeitig haben ebendiese Krankschreibungen und Beratungen aufgrund orthopädischer Probleme abgenommen, sodass dies die Veränderung der beruflichen Tätigkeiten in unserer heutigen Gesellschaft widerspiegeln könnte. Man muss grundsätzlich davon ausgehen, dass die Häufigkeit schwerer psychischer Erkrankungen eigentlich relativ konstant ist. Die Häufigkeit schwerer Depressionen oder anderer Erkrankungen aus dem psychiatrischen Spektrum hat sich also nicht so sehr geändert, aber vielleicht kann man sagen, dass sich die Krankheitsbilder ein wenig verlagert haben. Früher sind die Leute zum Arzt gegangen und haben sich über Rückenschmerzen beklagt. Heute ist man gegenüber Burn-out sowie anderen psychischen Erkrankungen sensibler. Die Scheu, auch aus ebendiesen genannten Gründen zum Arzt zu gehen und diese zu thematisieren, ist positiverweise nicht mehr vorhanden.

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Impuls Lifestyle: Wenn ich selbst das Gefühl habe, dass etwas nicht stimmt und mir der Beruf über den Kopf wächst, wann ist der Moment gekommen, an dem ich professionelle Hilfe aufsuchen sollte?

Wenn sich durch Veränderungen oder durch Urlaub keine Verbesserung zeigt. Man sollte in dieser Situation die Möglichkeiten abwägen und überlegen, was man verändern könnte – Beruf, Freizeit, Lebensstil und dergleichen – oder ob tatsächlich eine behandlungswürdige depressive Erkrankung vorliegt.

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Impuls Lifestyle: Man könnte sagen, dass eine selbstreflektierte Lebensweise schon viele Anzeichen einer möglichen Erkrankung aufdecken könnte?

Selbstreflexion ist ja etwas, das uns hilft, stabil und gesund zu bleiben. Es ist auf jeden Fall sehr wünschenswert, dass man manchmal innehält und innerlich einen Schritt zurück tritt, dabei seine Situation wie von außen betrachtet und das Ganze ein wenig objektiviert.

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Impuls Lifestyle: Welche Präventionstipps gibt es, um ein Burn-out zu vermeiden?

Körperliche Aktivitäten sind ganz wichtig, denn diese machen die Psyche stabiler und robuster. Gleichzeitig bauen wir beim Sport Stress ab und Stresshormone werden verbrannt. Planen Sie Ruhephasen ein, schlafen Sie genug, denn gesunder Schlaf ist sehr, sehr wichtig. Soziale Aktivitäten bzw. der Kontakt mit Menschen tragen zu einem gesunden Zustand bei. Eigentlich ganz einfache Dinge.

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Impuls Lifestyle: Wir haben in dieser Ausgabe auch einen Bericht zum Thema Klettern. Bei der Recherche haben wir erfahren, dass dies sehr hilfreich sein kann, um Burn-out und Depressionserkrankungen zu therapieren. Was halten Sie davon?

Es gibt bereits eine ganze Reihe an psychotherapeutischen und psychosomatischen Kliniken, die mit dieser Methode arbeiten und verschiedene Klettergärten nutzen. Es ist meiner Meinung nach tatsächlich so, dass es sehr hilfreich ist. Es beinhaltet sowohl soziale Aktivität als auch körperliche Beanspruchung. Also ich kann mir gut vorstellen und weiß auch von anderen Kliniken und Therapieprogrammen, dass das sehr hilfreich sein kann.

 

Kontakt & Informationen kbo-Inn-Salzach-Klinikum gemeinnützige GmbH Freilassing | Vinzentiusstraße 56 | 83395 Freilassing | Tel.: + 49(0)86 54-77 05-0 | E-Mail: info.isk-fre@kbo.de | www.inn-salzach-klinikum.de

 



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